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Montag, 14. August 2006Mein schönstes Ferienerlebnis
Getreu der alten Schulaufsatztradition: "Mein schönstes Ferienerlebnis" - ein Beitrag von Anke Krause aus der deutschen Dienstleistungslandschaft:
Mein schönstes Ferienerlebnis Wie nutzt man einen völlig verregneten Urlaubstag in Südtirol, wenn man nicht ganztägig in der nach dem Hund der Vormieter riechenden Ferienwohnung hocken will? Richtig, man setzt sich ins Auto und betreibt „Autowandern“. Und um dem Ganzen gleich noch einen nützlichen Touch zu geben, fährt man über zwei Grenzen nach Deutschland, um dem Kind, das noch zwei Wochen länger Urlaub hat, schon mal die Fahrkarte für die Heimfahrt inclusive Bahncard zu kaufen. Bald schon tut sich die Frage auf: Was ist schlimmer als ein heimischer Sonntagsfahrer? Genau: Ein Urlauber aus dem Flachland an einem Alpenpass! Und der Regen bringt offensichtlich nochmal eine Steigerung. Und so brauchen wir schon für die Fahrt zum Reschenpass ungefähr doppelt so lange wie sonst. Aber wir haben ja Zeit! Der nächste nennenswerte Ort in Deutschland mit Bahnanschluss ist schnell ausgemacht: Mittenwald. Und die Straße dorthin verspricht laut Karte einige schöne Ausblicke in die Landschaft (vielleicht kann man ja auch bei Dauerregen etwas sehen). Was leider weder in der Karte noch am Beginn der engen Bergstraße stand: Wegen Bauarbeiten ist die Straße nach der ersten Hälfte gesperrt, wenden unmöglich. Also größräumige Umleitung über eine in der Karte „weiß“ gekennzeichnete Straße, noch etwas enger als die andere. Gut, so lernt man auch mal etwas Neues kennen. Aber wir haben ja Zeit!
In Mittenwald erreichen wir nach einigem Suchen den Bahnhof. In den gegenüberliegenden Toiletten verspricht man uns Videoüberwachung (?!?!?!). Der Bahnhof selbst verfügt über einen Fahrkartenschalter, der mit wenig dekorativen, offensichtlich seit mehreren Jahren nicht mehr bewegten Gardinen zugehängt ist. Aber als moderne und aufgeklärte Menschen verstehen wir es ja, den bereitstehenden Automaten zu bedienen. Außerdem steht ein „Automaten-Scout“ (oder so ähnlich) bereit, um uns bei auftretenden Problemen behilflich zu sein. Allerdings muss auch der zugeben, dass sein Automat nicht in der Lage ist, uns eine Bahn-Card zu verkaufen. Dazu müssen wir zur nächsten Bahn-Agentur nach Klais, etwa 6 Kilometer entfernt am nächsten Haltepunkt der Eisenbahn. Der nette „Automaten-Scout“ gibt uns noch ein Informationsblättchen zur Bahn-Card mit und schreibt uns vorsichtshalber die Telefonnummer der Klaiser Bahnagentur auf. Na ja, so hatten wir uns das zwar eigentlich nicht gedacht, aber wir haben ja Zeit! Also auf nach Klais. In der Zwischenzeit erfahren wir aus dem Infoblättchen, dass wir für die Bahn-Card ein Passfoto benötigen. So etwas Dummes! Die letzten Bilder vom Schulfotografen haben wir wegen Nichtgefallen zurückgegeben und das Kind befindet sich in 150 Kilometer Entfernung. Aber zum Glück hat wohl jede liebende Mutter ein Bild ihres Spösslings im Portemonnaie und da das Baby-Foto wohl nicht zu verwenden ist, muss eben das erst drei Jahre alte Bild herhalten. Das ist mit Brille und Kurzhaarfrisur zwar auch nicht mehr ganz aktuell, aber besser als nichts. Der Ort Klais besteht im Wesentlichen aus dem Bahnhof mit Bahn-Agentur und den „Klaiser Stuben“ direkt daneben. Aber immerhin gibt es in diesem Bahnhof eine offenbar mit Menschen besetzte Fahrkarten-Verkaufsstelle. Die Dame von der Bahnagentur strahlt zunächst, dass jemand etwas bei ihr kaufen möchte. Aber unser Ansinnen, eine Bahn-Card erstehen zu wollen, überfordert sie doch sichtlich. „Da muss ich mal meinen Mann fragen!“ Herbeigerufen aus den „Klaiser Stuben“ erscheint der dann auch kurz darauf. Sofort wird uns klar, dass das Schild „Rauchfreier Bahnhof“ nur vor dem Schalter gilt. Von der anderen Seite pustet uns der Mann muntere Rauchwölkchen durch's Guckloch entgegen, so dass wir uns zunächst ganz irritiert fragen, ob auf dieser Strecke Dampflokomotiven unterwegs sind. Immerhin hat der Mann schon einmal etwas von einer Bahn-Card gehört. „Wir hatten da mal so Anträge!“ Nach längerer Suche und einigen Fehlversuchen händigt er uns nun das richtige Formular aus. Wir füllen es auch ohne seine wenig hilfreichen Hinweise aus und geben es zurück, verbunden mit unseren Wünschen nach der passenden Fahrkarte. Auf Fahrkarten wiederum ist die Frau spezialisiert. Schon im zweiten Versuch kann sie uns mitteilen „Zug von Bozen nach München – umsteigen – Zug von München nach Berlin – Platzreservierung für beide Züge – plus Bahn-Card – macht 77,60 Euro“. Prima, denken wir, da spart man ja mit der Bahn-Card mächtig. EC-Karte zur Zahlung gezückt und schon mal über die restliche Verwendung der Tages nachgedacht. Da holt uns die Stimme des Räucher-Mannes in die Realität zurück: „Kartenzahlung geht hier aber nicht, nur bar!“. Wir denken, wir haben uns verhört und fragen vorsichtshalber noch einmal nach. „Keine Kartenzahlung möglich“ kommt das Echo von der Frau. Gut, kratzen wir unsere Barschaft zusammen. Bei Durchforstung der letzten Winkel unserer Geldbörsen kommen wir zusammen auf 75,20 Euro. Schade! „Wo ist denn hier die nächste Bank?“ - „ In Mittenwald. Lassen Sie den Antrag schon mal hier, die Fahrkarte drucken wir dann aus, wenn Sie mit dem Bargeld wieder hier sind.“ Gut, zurück nach Mittenwald, wir haben ja Zeit. Die erste Möglichkeit zur Erlangung von Bargeld ist eine Filiale der Deutschen Post. Zwar gibt es keinen Geldautomaten, aber wozu ist man schließlich seit Jahren treuer Kunde der Postbank? Von den vier Schaltern sind zwei geöffnet. Beide versprechen „Alle Dienstleistungen“. Vor dem ersten stehen 8 – 10 Kunden, vor dem zweiten nur 4. Also an fünfter Stelle angestellt. War vielleicht schon ein Fehler, denn die vier Vorgänger scheinen doch recht komplizierte Anliegen zu haben. Aber wir haben ja Zeit! Endlich am Schalter angekommen und die Bitte vorgebracht, 300 Euro vom Konto abzuheben, kommt die Antwort: „Ich habe nur noch knapp 100, da müssen Sie zum Kollegen nebenan gehen“. Gut, da stehen mittlerweile vielleicht 15 Leute in der Schlange, aber wir haben ja Zeit! Ewigkeiten später dann dasselbe Anliegen nochmal. 300 Euro. „300?“ - „Ja, 300.“ - „Gut, 300.“ Längere Zeit Notitzen auf einem Zettel, dann der Griff in die Geldschublade, ein 50er, einige 20er und ein großer Stapel 5er kommen zum Vorschein. Der Post-Bedienstete streckt die Finger zu seinem orangefarbenen Anfeucht-Schwamm aus und beginnt, die Scheine einzeln durchzuzählen. Die ersten beiden Versuche ergeben 295 Euro. Er nimmt einen weiteren Schein aus der Schublade, greift nochmals zu seinem orangefarbenen Schwamm und beginnt zum dritten Mal zu zählen. Wir haben ja Zeit! Diesmal stimmt es. Zur Kontrolle noch einmal gezählt und schon haben wir unser Bargeld. Wieder ins Auto, Richtung Klais. Dort im Bahnhof angekommen, winkt man uns schon freudig entgegen. „Wir können gerade keine Fahrkarten ausdrucken, das gesamte Computersystem der Bahn ist zusammengebrochen“, erklärt uns der Räucher-Mann. „Wir wissen auch nicht, wann es wieder geht! Aber setzten Sie sich doch nach drüben und trinken Sie einen Kaffee, ich komme dann und sage Bescheid, wenn's wieder geht.“ Das nennt man Kunden-Service! Gut, wir haben ja Zeit, also betreten wir die „Klaiser Stuben“. Wir sind tief beeindruckt von den großen Fliegenfängern, die in jedem Fenster hängen und offensichtlich ihren Zweck gut erfüllen. Die Wirtsleute sitzen vor dem Fernseher im Gastraum und trinken Bier. Aus Gründen der Arbeitserleichterung verzichten sie dabei auf das Glas und trinken gleich aus der Flasche. Immerhin scheint man hier zu wissen, was man will – darauf deutet das Schild über dem Eingang hin: „Hier hat sich jeder Gast so zu benehmen, dass der Wirt sich wohlfühlt“. Ob sich der Wirt dabei wohlgefühlt hat, dass wir unser Bier doch lieber aus Gläsern getrunken haben und er die nachher (möglicherweise) spülen musste? Irgendwann fällt dann unser Blick auf die Uhr und mit Schrecken stellten wir fest, dass uns jetzt doch nicht mehr viel Zeit bleibt, wenn wir die Heimreise unserer Tochter zufriedenstellend organisieren wollen. So verzichten wir auf den Service der Räucher-Mannes und kehren unaufgefordert zum Bahnhof zurück. „Geht immer noch nicht!“. Gut, es war einen Versuch wert. Aber jetzt nehmen wir unseren Antrag wieder an uns und verabschieden uns freundlich vom Räucher-Mann und seiner Frau. Den beiden fällt ein Stein vom Herzen, dass sie sich ihrer schwierigen Aufgabe auf so elegante Weise entledigen können. Wir jedoch fahren weiter in die Weltstadt Garmisch. Am dortigen Bahnhof stehen 3 Personen in der Schlange, die sich dann auf 4 Schalter verteilt. Von einem bundesweiten Computerausfall scheint hier niemand etwas zu wissen. Innerhalb kurzer Zeit haben wir uns an einen Schalter vorgearbeitet, danach dauert es noch etwa vier Minuten, bis wir eine vorläufige Bahn-Card („die endgültige bekommen Sie per Post zugschickt“), eine Fahrkarte von Bozen nach Berlin und Reservierungen für mehrere Züge („Die Züge aus Italien haben gerne Verspätung, wenn das Kind da in München den Anschluss verpasst, kann es ja nichts dafür. Ich reserviere vorsichtshalber den nächsten Zug gleich mit!“) in der Hand halten. Selbstverständlich haben wir zuvor mit der EC-Karte gezahlt. So findet der Tag doch noch einen guten Abschluss und wir freuen uns, dass wir mit der Bahn-Card so viel sparen konnten. Was uns nur wundert: Neben der Deutschen Bahn und der Deutschen Post hat unser dritter Lieblings-Feind, die Deutsche Telekom, ausnahmsweise nichts zum Gelingen dieses schönen Ferientages beigetragen. Nun sind wir wieder zu Hause, haben noch eine Woche Urlaub, das arme Kind dagegen muss noch in Südtirol arbeiten. Wer weiss, vielleicht fahren wir ja doch, je nach Lust und Laune, einfach so als große Überraschung, noch nach München und holen unser Kind dort ab Bahnhof ab. Wir haben ja jetzt Zeit! Kommentare
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Da gibt es nur eines: Fahrkarten grundsätzlich in Großstädten oder über Internet kaufen. Warum es solchen kleinen Bahnhofsschalter überhaupt noch gibt, weiß nichmal die Bahn.
"Nur in Großstädten oder über Internet kaufen" - was für eine geniale Idee! Also fahre ich für die Fahrkarte erst mal über 50 km in die nächste Großstadt?
Und Internet? Du hast es und ich auch - aber wir sind diesmal nicht Deutschland. Ich finde es einfach völlig daneben, wie sich Bahn und Post aus der Fläche zurückziehen und den Kunden alleine lassen. Ältere Mitmenschen werden durch diese Politik völlig hilflos gemacht! Gruß Michael Das kann schon stimmen mit dem Computerausfall. Diese Bahnagenturen sind oftmals nicht am Bahneigenen Netz sondenr über das Internet angeschlossen. Und wenn da die Verbindung mal baden geht, geht nichts mehr.
"Ich habe nur noch knapp 100, da müssen Sie zum Kollegen nebenan gehen"
Ähh, da kann man nicht mal kurz vom Kollgen das Geld nehmen und umbuchen? Kein Wunder, daß die Postbank Kunden verliert. Warum soll so ein kleines Nest auch mit Geldautomaten oder vernünftigen Bahnhofsschaltern versorgt werden? Dann werden die Kontogebühren / Fahrpreise nur noch höher.
Es ist ja genau anders herum: Immer mehr Bahnhöfe werden geschlossen ABER TROTZDEM steigen die Preise. Wie kann man sich denn das erklären?
Also die Telekom hat bestimmt doch was damit zu tun die waren der Krind für den Computer ausfall der DB ^^
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Die Mission: Kaufe ein Ticket der Deutschen Bahn, inkl. Bahncard. In Südtirol. Während Deines Urlaubs. Und verlier dabei bitte nicht Deine gute Laune. Die Missionserfüllerin: Anke Krause. Mein persönlicher Lieblingssatz: Was uns nu...
Aufgenommen: Sep 13, 21:22